Solidaritätsakt - Hilfe für die Alp

1.-August-Weggen-Aktion: Die Coop Patenschaft für Berggebiete setzt sich für den Erhalt der Alp Grossächerli in Obwalden ein.

Text: Stefan Fehlmann / Fotos: Claudio Bader

Platsch, und der Hund ist im Brunnen. Die Wanderer, die soeben die wunderschön im obwaldischen Naherholungsgebiet Wirzweli-Stanserhorn gelegene Alp Grossächerli erklommen haben, gönnen ihrem aufgeweckten Vierbeiner die Abkühlung gerne. Und denken sich nichts Böses dabei. Das denken sich auch die Bauern nicht, die sich hundert Meter nebenan bei einem baufälligen Stall getroffen haben, um gemeinsam Pläne für dessen Neubau zu studieren und zu diskutieren. Gerne wird das frohe Hundebad aber trotzdem nicht gesehen. «Das wäre eigentlich unsere Kuhtränke. Wenn da erst einmal ein Hund drinnen war, ist das Wasser für die Kühe nicht mehr geeignet», sagt Bruno von Rotz und verfolgt den vermeintlich harmlosen Badeplausch mit stoischer Ruhe. Der 55-jährige Bauer ist auf dieser Alp der Chef, der Alpvogt. Er und seine sechs Mitstreiter plus Familien, die sich um die Alp kümmern, sind sich harte Arbeit mit vielen Rückschlägen gewöhnt. Was spielt es da für eine Rolle, ob der Brunnen nun nochmals neu befüllt werden muss oder nicht? Derzeit haben sie sowieso andere Sorgen: Auf ihrer Alp, welche die sieben Familien zusammen bewirtschaften, besteht dringender Handlungsbedarf. Der Stall ist alt und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen an das Tierschutzgesetz und auch die Auflagen an den Gewässerschutz können nicht mehr erfüllt werden. Und das zugehörige Wohnhaus, oder besser gesagt die Steinhütte, entbehrt jedem menschenwürdigen Wohnen.

«Das jetzige Gebäude stammt aus dem Jahr 1798, der letzte Ausbau fand 1936 statt», erklärt von Rotz. Die Bausubstanz ist mehr als nur schlecht und wenns regnet, was diesen Frühling bekanntlich öfters der Fall war, «läuft das Wasser quer durch die Küche.» Für die Betreiber bedeutet das: Entweder die Alp aufgeben oder kräftig investieren. Auf der Habenseite steht eine wunderschöne, gutgräsige Alp, auf der die beteiligten Familien in der Alpsaison anteilsmässig einen Teil ihrer Kühe alpen können, insgesamt rund 50 Stück. Aus deren Milch, etwa 70 000 Liter pro Saison, entstehen in der keine 300 Meter entfernten Alpkäserei Chieneren hochwertige Käse und Milchprodukte. Zum Beispiel ein lange gelagerter Alpsbrinz, der seinesgleichen sucht, und unter dem Label «Pro Montagna» gar Einzug in die Regale grösserer Coop-Supermärkte gefunden hat. Auf der Sollseite hingegen stehen Baukosten von gegen einer Million Franken, wie der Alpvogt erläutert: «Wir haben das Projekt mit dem Landwirtschaftsamt Obwalden aufgegleist. Und je mehr wir geplant haben, desto teurer wurde das Ganze. Also haben wir wieder abgespeckt. Aber irgendwann ist der ganze ‹Luxus› weg und es braucht trotzdem noch Geld.»

Dieses soll aus verschiedenen Quellen kommen: vom Bund, von den Kantonen und natürlich von den Bauern selber. Trotzdem bleibt beim Projekt ein Fehlbetrag von rund 300 000 Franken stehen. Ohne diesen finanzieren zu können, sind die Tage dieser Alp, die seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert ist, gezählt, wie von Rotz mit nachdenklicher Miene sagt: «Die Gebäude sind weder tier- noch menschenwürdig. Und wenn wir die entsprechenden Auflagen nicht erfüllen können, bleiben auch die Direktzahlungen aus, dann ist es sowieso gelaufen.» Hoffen können die beteiligten Familien nun auf die Solidarität der Schweiz. Denn der Gewinn aus der traditionsreichen 1.-August-Weggen-Aktion soll heuer vollumfänglich der Sanierung der Alp Grossächerli zugutekommen. Wenn das Geld zusammenkommt, wird anstelle der alten Gemäuer ein zeitgemässer Boxenlaufstall mit Fressliegeboxen für 56 Kühe gebaut, dazu ein moderner 5er-Melkstand, der den neusten Hygienevorschriften entspricht. Über dem Stall ist dann noch der Bau einer einfachen, aber zweckmässigen Wohnung für das Alppersonal vorgesehen. Schliesslich haben die sieben Familien alle noch ihren eigenen Hof zu versorgen und können trotz hoher Eigenleistungen wie der Landschaftspflege und dem Ausbessern von Wegen und Zäunen nicht konstant auf der Alp vor Ort sein. Für den Alpvogt bietet insbesondere auch der vorgesehene Bau der Wohnung Perspektiven für die Zukunft, wie er erklärt: «Wenn wir hier einen einfachen, aber guten Standard hinbekommen, wäre es auch denkbar, dass längerfristig vielleicht sogar eine junge Familie mit Kindern auf der Alp zum Rechten schaut.» Das wäre der Alp und ihren engagierten Betreibern zu gönnen. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die Schweiz sich reichlich an den 1.-August-Weggen genüsslich tut.