Bio-Magazin Verde

Bio-Milch

verde 1/09

Eine neue Studie beweist, was der gesunde Menschenverstand schon lange ahnte: Artgerecht lebende Kühe geben bessere Milch.

Gemächlich schiebt sich Bio-Kuh Alma über die Weide. Stundenlang frisst sie Gras. Zwischendurch verscheucht sie mit dem Schwanz die Fliegen. Dann ruht sie sich aus. Was kaum zu fassen ist: Die gemütliche Alma mit ihren sanften Augen und dem massigen Körper ist ein Wunderwerk der Natur. Ihr Innenleben gleicht einem komplexen Biokraftwerk: Mit 60 bis 150 Litern Speichel verarbeitet sie die 70 bis 100 kg Gras, die sie täglich zermalmt. Dazu säuft sie nochmals so viel Wasser. Das derart vorbereitete Grünzeug geht durch drei Vormägen und einen Hauptmagen, die sich strukturell und bakteriell völlig unterscheiden, und später durch ihren 35 bis 60 Meter langen Darm. Wiederkäuend hält Alma diesen Apparat in Bewegung. Erst nach 72 Stunden ist das Gras vollständig verdaut.

Und wozu der ganze Aufwand? Um Gras, beziehungsweise die darin enthaltene holzähnliche Cellulose, in Energie umzuwandeln. Damit ernährt Alma sich und ihr Kalb. Der Mensch kann das nicht: Wenn er Gras isst, verhungert er buchstäblich, weil er die Nährstoffe nicht aufnehmen kann. Die Kühe hingegen haben in Millionen von Jahren die Fähigkeit entwickelt, das Gras verwerten zu können. Zusätzlich lernten sie im Laufe der Evolution, mit klimatischen Schwankungen umzugehen. Wenn Alma also in verschiedenen Jahreszeiten auf der Weide herumstreift und nur Gras oder Heu frisst, ist das artgerecht. Offensichtlich sorgt diese Haltung auch für bessere Milch. Dies zeigt eine neue Studie der Universitäten Newcastle (England) und Aarhus (Dänemark). Artgerecht produzierte Milch ist bekömmlicher als jene von Wiederkäuern, die im Stall herumstehen und viel Kraftfutter fressen. Sie enthält deutlich mehr positive Fettsäuren (die konjugierte Linolsäure CLA9 und Omega-3-Fettsäuren) und Antioxidantien (Provitamin A und Vitamin E). Diese Stoffe können beim Menschen das Blutfett positiv beeinflussen und das Risiko für Herz- und Kreislaufstörungen vermindern, etwa Arterienverkalkung. CLA9 reduziert zusätzlich die Krebsanfälligkeit und führt zu weniger Fettansatz, wie wissenschaftliche Tierversuche zeigen. «Ausschlaggebend für die günstige Zusammensetzung der Milch ist das Weglassen des Kraftfutters, also von Mais und Getreide», erläutert Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL in Frick. «Die positiven Stoffe in der Milch stammen direkt aus den Gräsern, Kräutern und dem Klee, den die Kuh von Natur aus frisst.» Leider, so Niggli, gehe die Entwicklung in der konventionellen Viehzucht heute in eine andere Richtung. Mit Kraftfutter bringt eine Kuh heute Turboleistungen von 10ı000 Litern jährlich, während es bei Alma «nur» rund 6000 Liter sind.

Bio-Milch ist die bekömmlichste Milch, weil die strengen Richtlinien der Bio Suisse eine möglichst artgerechte Haltung garantieren. Solange das Gras wächst, müssen Bio-Kühe täglich auf die Weide. In der Schweiz kann das, je nach Lage, von März bis November dauern. Viele Bio-Bauern pflegen überdies artenreiche Wiesen und Weiden. Zahlreiche Klee- und Kräuterarten verfügen über einen hohen Gehalt an Tanninen, was die Menge der erwünschten Fettsäuren in der Milch steigert. Im Winter leben die Tiere in artgerechten Ställen. Zu fressen bekommen sie vor allem Gras und Heu. Der Anteil des Kraftfutters darf 10 Prozent nicht übersteigen, eine der restriktivsten Regelungen. Dass Bio-Kühe nur pestizid- und herbizidfrei hergestelltes Futter bekommen, bedeutet eine zusätzliche Schonung der Natur.

Eine weitere gute Nachricht: Joghurt und Käse aus Bio-Milch enthalten ebenfalls mehr erwünschte Fettsäuren. Der gesundheitliche Zusatznutzen bleibt bei der Lebensmittel-Verarbeitung erhalten. Allerdings sollten wir jetzt nicht euphorisch über den Kühlschrank herfallen. «Die Unterschiede sind zwar positiv, aber Milchprodukte sollten, wie fast alles andere auch, nicht in Massen konsumiert werden», sagt Ernährungsfachfrau Michèle Kaspar. Die Expertin empfiehlt drei Portionen täglich, etwa ein Glas Milch, ein Joghurt und 30 bis 60 Gramm Käse. Wenn diese von der Bio-Kuh Alma stammen, dürfen wir sie vorbehaltlos geniessen.
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